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"Sakrale Räume" heute. ThPQ ab sofort auch als eBook.

Im neuen Themenheft „Sakrale Räume“ richten die AutorInnen der Theologisch-Praktischen Quartalsschrift ihre Aufmerksamkeit auf die Verbindung von Raum- und Sozialstrukturen im Sakralraum und beschäftigen sich mit Nutzung, Umgestaltung und der Wahrnehmung des Kirchenraumes. Mit dem Erscheinen der aktuellen Ausgabe ist es nun auch möglich die ThPQ in elektronischer Form - als ePub und ePDF - zu erwerben.


ThPQ 2/2017: Sakrale Räume heute.
ThPQ 2/2017: Sakrale Räume heute.

Liebe Leserin, lieber Leser!

„Wie der Sinn in das Gebaute kommt“ – so lautet die Leitfrage in Silke Steets’ Architektursoziologie mit dem Titel „Der sinnhafte Aufbau der gebauten Welt“ (Berlin 2015). Steets’ Annahme besteht darin, dass Gebäude und räumliche Arrangements – weit über ihre Funktion hinaus – „materialisierte Strukturen des Sozialen“ sind. In besonderem Maße scheint diese Verbindung von Raum- und Sozialstruktur für „sakrale Räume heute“ zu gelten, denen die Aufmerksamkeit unseres aktuellen Themenheftes der Theologisch-praktischen Quartalschrift gilt: Die oft „passagere“ Religiosität unserer Tage führt nicht wenige Menschen – wenigstens für kurze Zeit – in die großen Kirchen der Städte, um einen Augenblick innezuhalten, vielleicht eine Kerze anzuzünden. Sie entdeckt damit sakrale Räume neu, inspiriert zu neuen pastoralen Ansätzen, realisiert etwa in „City-Kirchen“- Projekten oder „Langen Nächten der Kirchen“. Ebenso macht die sich in den modernen Gesellschaften Europas niederschlagende Säkularisierung die Umnutzung von Kirchen notwendig, lässt sie zu Museen, Bibliotheken oder Wohnhäusern werden und stellt damit die Verantwortlichen vor erhebliche bautechnisch-praktische, aber auch theologisch-grundsätzliche Fragen. Unsere Autorinnen und Autoren – TheologInnen, Kultur- und SozialwissenschaftlerInnen – deuten die Sinnstrukturen der gebauten Welt, identifizieren und interpretieren den sozialen und religiösen Wandel in sakralen Räumen – vor allem im christlichen Kontext – und entwerfen daraus theologische Perspektiven.

Im ersten Beitrag ermutigt der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher zu einer pastoralen Umnutzung von Kirchenräumen, die er der vermeintlich leichteren Lösung eines Verkaufs vorzieht. Zur Umnutzung entwickelt er eine (alternative) Kriteriologie, die auf theologisch begründeten Prinzipien beruht: „Zugänglichkeit, Erreichbarkeit und Sichtbarkeit für die Anderen, die Fremden, zuvorderst die Bedürftigen.“ Komplementär zum Eingangsbeitrag lassen sich die Überlegungen des Bischofsvikars für Caritas und Evangelisation in der Diözese Graz-Seckau, Hermann Glettler, lesen. Er formuliert Fragen wie: Welche Raumerlebnisse stellen sich beim Betreten von Kirchenräumen ein? Wie ließe sich – häufig im Kontrast dazu – eine pastoral wünschenswerte Willkommenskultur ästhetisch gestalten?

Den beiden praktischtheologischen Beiträgen folgen zwei kulturwissenschaftliche Reflexionen. Die Professorin für Geschichte und Theorie der Architektur an der KU Linz, Anna Minta, weist zeitdiagnostisch darauf hin, dass „Profanisierungstendenzen“ in der Moderne die „Sehnsucht nach besonderen Orten und das soziale Bedürfnis nach zeitlosen Sinn- und Ordnungsstrukturen“ keineswegs abschaffen, sondern vielmehr transformieren. Zu dieser Beobachtung einer Zeitgemäßheit gesellschaftlicher „Kultorte“ passt der empirische Befund der Soziologin Stefanie Duttweiler. Sie entdeckt in den Inszenierungen des Außeralltäglichen funktionale Ähnlichkeiten zwischen Kirchen und „Fußball-“ oder „Einkaufstempeln“ als den „Kathedralen der Moderne“. Von den übergreifenden kultur- und sozialwissenschaftlichen Beobachtungen wendet sich der Blick wieder den konkreten kirchlichen und religionspädagogischen Herausforderungen zu, die mit dem Wandel sakraler Räume verbunden sind. Die Wiener Kunsthistorikerin und Ordensfrau Sr. Ruth Pucher MC sensibilisiert für das theologische Potenzial, das gerade Kirchenräume nicht zuletzt im säkularen Umfeld bergen. Mit dem literarischen Mittel eines fiktiven Gesprächs macht sie auf verschiedene Aspekte, Zugangs- und Anwendungsmöglichkeiten ihres Konzepts einer „Kirchenpädadogik“ aufmerksam.

Der Blick in die Gestaltungspraxis von Kirchenräumen wird beschlossen durch drei Erfahrungsberichte und ihre theologischen Reflexionen: Hubert Nitsch und Martina Gelsinger vom Kunstreferat der Diözese Linz siedeln ihre Arbeit im produktiven Spannungsfeld von Kunst und Kirche „auf Augenhöhe“ an. Markus Krauth, Pfarrer der Gemeinde Maria Geburt (Aschaffenburg), schildert die pastoralen Intentionen der in seiner Kirche vorgenommenen, viel beachteten Umbaumaßnahmen. Und der Linzer Liturgiewissenschaftler, Ewald Volgger OT, dokumentiert und kommentiert theologisch die neue Gestaltung des Linzer Domes. In der Rubrik der thematisch freien Beiträge stellt Imre Koncsik die Frauenmystikerin Rut Björkman vor; Georg Langenhorst fokussiert das immer wichtiger werdende interreligiöse Lernen auf das „trialogische“ Arbeiten mit Kindertora, Kinderbibel und Kinderkoran. In der Besprechung des „Aktuellen Theologischen Buches“, die den Rezensionsteil eröffnet, stellt Eberhard Schockenhoff die Neuerscheinung „Pakt mit dem Bösen?“ als „Einblick in die Werkstatt moraltheologischer Arbeit“ dar.

Liebe Leserinnen und Leser,

„wie der Sinn in das Gebaute kommt“ – auf diese Frage ergibt sich aus der Architektursoziologie von Silke Steets heraus eine doppelte Antwort: Einerseits wird „Sinn“ in Gebäude und gestaltete Räume eingeschrieben, werden z.B. theologische Konzepte in kirchenbauliche Maßnahmen umgesetzt; andererseits entfalten das Gebaute und das räumlich Gestaltete durch Nutzung, Auseinandersetzung, Interpretation eine Eigendynamik, bringen einen „Eigensinn“ hervor. Steets spricht von einem „permanenten Wechselspiel mit menschlichen Akteuren wie Künstlerinnen, Architekten, Touristen, Wissenschaftlerinnen, Denkmalpflegern, Fotografen, Filmemachern, Gärtnerinnen, Haustechnikern, Ausstellungsmachern und dem Putzpersonal“. So lassen sich unsere durchwegs praxisbezogenen Beiträge auch als (konkrete) Anregungen verstehen, um das Zusammenspiel zwischen sakralen Räumen und den Menschen, die sie aufsuchen, nutzen oder sich von ihrer Atmosphäre inspirieren lassen, kreativ und sinnstiftend zu gestalten.

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen im Namen der Redaktion,

Ihr Ansgar Kreutzer (Chefredakteur)

Die Theologisch-praktische Quartalsschrift nun auch online zu erwerben:

https://verlag-pustet.e-bookshelf.de/products/search?searchBox=Quartalschrift&searchCheck=quicksearch&qsBtn=Suchen

Bildnachweis Titelfoto: Filialkirche St. Martin, Alt-Attnang, Neuer Altarraum © Ulrich Kehrer
11.4.2017, kd


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