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Prof. Rosenberger: Öko-Enzyklika ist großer Schritt nach vorne

Mit Spannung sei sie erwartet worden und erfülle nun mit geringen Abstrichen die in sie gesetzten Hoffnungen: So das positive Resümee des Moraltheologen und Umweltsprechers der Diözese Linz Univ.-Prof. Dr. Michael Rosenberger zur Enzyklika Laudato si'.


Für Prof. Michael Rosenberger bringt Papst Franziskus damit die Kirche einen großen Schritt nach vorne. Beeindruckend für ihn unter anderem: die Einladung zum weltweiten Dialog statt ein Diktieren von oben herab und die Leidenschaft für den Umweltschutz.

Sich in den Dialog einbringen

Rosenberger skizzierte zunächst Zielgruppe und Zielsetzung der Enzyklika. Seit der Enzyklika „Pacem in terris“ von Papst Johannes XXIII. aus dem Jahr 1963 wenden sich die Päpste mit Rundschreiben zu ethischen Fragen an alle Menschen guten Willens. So tut es auch Papst Franziskus (3) und lädt „zu einem neuen Dialog ein über die Art und Weise, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten.“ (14). Diesen Dialog meint er ernst. Denn er zitiert nicht nur frühere Päpste und bedeutende Theologen, sondern auch das Oberhaupt der orthodoxen Kirche, Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel, einen islamischen Gelehrten sowie die Vereinten Nationen. Rosenberger: „Höchst bedeutsam ist, dass Franziskus insgesamt 22 Zitate von 17 Bischofskonferenzen aus allen fünf Kontinenten einbringt. Dass Bischofskonferenzen die Päpste zitieren, ist normal. Aber dass ein Papst auf seine Mitbischöfe hört und ihre Gedanken übernimmt, ist ein Paradigmenwechsel. Das hat es noch nicht gegeben.“

Die Enzyklika folge dem Dreischritt Sehen – Urteilen – Handeln. Sie setze bei den aktuellen Bedrohungen des Planeten Erde an und analysiere ihre Ursachen, entwickle Konzepte für einen alternativen Umgang mit ihm und entfalte einige praktische Handlungsfelder. Nicht immer werde der Aufbau ganz stringent durchgehalten, so Rosenberger. Auch kann man zu Recht fragen, warum einzelne Themen im Kontext dieser Enzyklika behandelt würden und andere Themen fehlten. „Insgesamt ist aber ein transparenter und schlüssiger Aufbau gelungen.“

Die Leidenschaft für die geplagte Schöpfung als Leitmotiv der Enzyklika

Der nach Meinung von Rosenberger größte Gewinn der Enzyklika liegt nicht in neuen Erkenntnissen. Naturwissenschaftlich könne die Kirche ohnehin nur übernehmen, was Fachleute feststellen. Theologisch sei in den letzten Jahrzehnten ebenfalls viel geleistet worden. Rosenberger wörtlich: „Das große Plus ist das, was Franziskus selbst als Ziel ausgibt: „Es geht darum, … vor allem über die Beweggründe zu sprechen, die sich aus der Spiritualität ergeben, um eine Leidenschaft für den Umweltschutz zu fördern. Denn es wird nicht möglich sein, sich für große Dinge zu engagieren … ohne eine Mystik, die uns beseelt, ohne innere Beweggründe, die das persönliche und gemeinschaftliche Handeln anspornen, motivieren, ermutigen und ihm Sinn verleihen.“ (216) Diese Leidenschaft ist von der ersten bis zur letzten Seite intensiv spürbar, und sie rührt das Herz im Innersten an.“

Entgegen dem Untertitel sei das eigentlich leitende Bild die geschundene Erde, die leidet und wie in Geburtswehen schreit: „Diese Schwester schreit auf wegen des Schadens, den wir ihr… zufügen.“ (2) Ihr Leiden sollen wir in unseres verwandeln (19), mitleiden und aus dem Mitleiden heraus zu einem anderen Umgang mit ihr finden (53).

Die roten Fäden der Enzyklika

Es sei interessant, sich auf einzelne „rote Fäden“ zu konzentrieren und diese durch die Enzyklika zu verfolgen, wie es der Papst selbst nahelegt (16). Es gehöre zu den größten Stärken, dass diese roten Fäden bis zum Ende durchgehalten werden und den Text wirklich zu einem Ganzen zusammenweben, so Rosenberger. Er griff zehn solche Fäden heraus – drei Fäden des sozialethisch-politischen Diskurses, drei über das Selbstverständnis der Kirche und vier zu einem spirituellen Umgang mit der Schöpfung.

Die enge Beziehung zwischen den Armen und der Anfälligkeit des Planeten

Wie im gesamten bisherigen Pontifikat blickt Papst Franziskus auf die Wirklichkeit mit den Augen der Armen. In politischen Debatten stehen sie meist im Schatten der Aufmerksamkeit. „Wir kommen jedoch heute nicht umhin anzuerkennen, dass ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, … um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde.“ (49) Ökologie und Gerechtigkeit sind zwei Seiten einer Medaille.

Die Kritik an der Macht

Wer Ressourcen und Techniken besitzt, hat Macht. Für den Papst ist die gesamte Umweltdebatte eine ständige Machtfrage (26): Können die Mächtigen ihren Status erfolgreich verteidigen, der auf Kosten der Armen und der Schöpfung geht? Oder werden sie bereit sein, Schritte zum Teilen und Abgeben ihrer Macht zu gehen? Wie könnte man sie dafür motivieren? Wer kann eine Gegen-Macht zu ihnen aufbauen? Diesen Fragen geht er in vielen Facetten nach.

Die unverzichtbare Bedeutung der Umweltorganisationen

Auffallend häufig würdigt der Papst den Einsatz der Umweltorganisationen. Auf lokaler Ebene tragen sie viel zur Verbesserung des Lebensumfelds (148) und der Umweltbedingungen (232) bei. National und international sind sie mutige Stimmen, die „die Bevölkerungen sensibilisieren und kritisch mitwirken – auch unter Einsatz legitimer Druckmittel –, damit jede Regierung ihre eigene und nicht delegierbare Pflicht erfüllt.“ (38) Für den Papst wäre es gar nicht vorstellbar, wo wir ohne diese Organisationen stünden (166). Zur Erzeugung des nötigen Drucks auf die Politik sei die Stimme der Umweltbewegung unersetzlich (179). Aus dem Mund eines Kirchenoberhaupts sind das bemerkenswerte Aussagen.

Umweltschutz gehört zum Kern der christlichen Berufung

„Die Berufung, Beschützer des Werkes Gottes zu sein,… ist nicht etwas Fakultatives, noch ein sekundärer Aspekt der christlichen Erfahrung.“ (217) Vielmehr gehört die Verantwortung für die Mitgeschöpfe und das gemeinsame Haus der Schöpfung zum Kern der christlichen Sendung. Dieser Gedanke ist grundlegend für die Enzyklika. Dem Denken und Handeln vieler Gläubiger ist er weit voraus.

Die Irrungen der Kirche in Vergangenheit und Gegenwart

Sehr freimütig spricht der Papst die Tatsache an, dass die Kirche in der Vergangenheit nicht gerade zu den Vorreitern der Umweltbewegung gehört und damit ihren eigenen Auftrag verfehlt hat und „dem Schatz an Weisheit, den wir hätten hüten müssen, untreu gewesen“ ist (200; vgl. auch 67). Diese Untreue wirkt, so der Papst, bis heute in den Köpfen und Herzen vieler Gläubiger nach, die „die Umweltsorgen bespötteln.“ (217) Umkehr und Reue seien daher dringend nötig (216).

Menschenschutz nicht gegen Umweltschutz ausspielen

Der Einsatz für das menschliche Leben in all seinen Phasen gehört vom ersten Jahrhundert bis heute zu den Identitätsmarkierungen der Kirche. Angesichts dessen gibt es unter Gläubigen die starke Versuchung, den Menschenschutz gegen den Umwelt-, Tier- und Pflanzenschutz auszuspielen und den einen stark zu machen auf Kosten des anderen. Franziskus kennt dieses Argument und versucht es zu widerlegen. Zugleich weist er aber auch jene Strömungen der Umweltbewegung zurück, die Umweltschutz auf Kosten der Armen und ohne Rücksicht auf sie betreiben. Der Schutz des Lebens und des Lebensraums aller Lebewesen gehören für ihn untrennbar zusammen (90-91).

Die Wahrnehmung der Natur als Schöpfung

Für einen verantwortlichen Umgang mit der Schöpfung und allen Mitgeschöpfen, so Franziskus, braucht es eine Perspektive, die über den technisch-naturwissenschaftlichen Blick auf die Welt hinausgeht (11). Um den nötigen Blickwechsel zu vollziehen, muss die Natur als Schöpfung wahrgenommen werden, „als ein Geschenk …, das aus der offenen Hand des Vaters aller Dinge hervorgeht.“ (75) „Jedes Geschöpf ist also Gegenstand der Zärtlichkeit des Vaters, der ihm einen Platz in der Welt zuweist. Sogar das vergängliche Leben des unbedeutendsten Wesens ist Objekt seiner Liebe, und in diesen wenigen Sekunden seiner Existenz umgibt er es mit seinem Wohlwollen.“ (77; vgl. auch 84) Auf der anderen Seite ist die Welt als Schöpfung auch abhängig, zerbrechlich, vergänglich. „Auf diese Weise wird unsere Verpflichtung ihr gegenüber noch mehr betont…“ (78)

Der Eigenwert eines jeden Geschöpfes

Inhaltlich einer der stärksten Gedanken ist die Absage an jede Anthropozentrik, die den Menschen als Spitzengeschöpf sieht, dem alle anderen Geschöpfe dienstbar sind, und die Anerkennung eines „Eigenwerts“ jedes noch so kleinen und unscheinbaren Geschöpfs (69). Dieser Eigenwert stellt sich dem Nutzendenken entgegen, das in den Geschöpfen nur „Ressourcen“ sieht (33) und sie als bloße Objekte betrachtet, „die der willkürlichen Herrschaft des Menschen unterworfen sind, … als Gegenstand des Profits und der Interessen...“ (82).

Die Erlösung der ganzen Schöpfung

Eine der bemerkenswertesten Aussagen des Papstes ist die Erinnerung an die biblische Überzeugung, dass die ganze Schöpfung in Christus erlöst ist und die Herrlichkeit Gottes erleben darf. Alle Geschöpfe „gehen mit uns und durch uns voran auf das gemeinsame Ziel zu, das Gott ist... Denn der Mensch… ist berufen, alle Geschöpfe zu ihrem Schöpfer zurückzuführen.“ (83; vgl. 244-245). In die Auferstehung Christi sind alle Geschöpfe hineingenommen (100). Und so blickt Franziskus in den letzten Abschnitten der Enzyklika voll Hoffnung auf die Zukunft: „Das ewige Leben wird ein miteinander erlebtes Staunen sein, wo jedes Geschöpf in leuchtender Verklärung seinen Platz einnehmen… wird.“ (243)

Der Vorschlag eines neuen Lebensstils

Unsere momentane Art des Lebens und Wirtschaftens führt dazu, „dass die Erde, auf der wir leben, in Wirklichkeit weniger reich und schön wird, immer begrenzter und trüber.“ (34) Dies führt Franziskus auf die „große Maßlosigkeit“ (116) und Unersättlichkeit des gegenwärtigen Lebensstils zurück: „Während das Herz des Menschen immer leerer wird, braucht er immer nötiger Dinge, die er kaufen, besitzen und konsumieren kann.“ (201)

Wie könnte eine Alternative aussehen? „Die christliche Spiritualität … ermutigt zu einem … Lebensstil, der fähig ist, sich zutiefst zu freuen, ohne auf Konsum versessen zu sein… Es handelt sich um die Überzeugung, dass »weniger mehr ist«. Die ständige Anhäufung von Möglichkeiten zum Konsum lenkt das Herz ab und verhindert, jedes Ding und jeden Moment zu würdigen… Die christliche Spiritualität regt zu einem Wachstum mit Maß an und zu einer Fähigkeit, mit dem Wenigen froh zu sein. Es ist eine Rückkehr zu der Einfachheit, die uns erlaubt innezuhalten, um das Kleine zu würdigen, dankbar zu sein für die Möglichkeiten, die das Leben bietet.“ (222)

„Die Genügsamkeit, die unbefangen und bewusst gelebt wird, ist befreiend. Sie bedeutet nicht weniger Leben, sie bedeutet nicht geringere Intensität, sondern ganz das Gegenteil. In Wirklichkeit kosten diejenigen jeden einzelnen Moment mehr aus und erleben ihn besser, die aufhören, … hier und da und dort etwas aufzupicken: … Man kann wenig benötigen und erfüllt leben...“ (223)

Spirituelle, fast lyrische Passagen

Abschließend betonte Rosenberger, ein Dokument dieser Länge zusammenzufassen sei schier unmöglich. Er ermutigte zur Lektüre des 222 Seiten langen Lehrschreibens. „Die Enzyklika enthält viele spirituell sehr dichte, ich möchte sagen lyrische Passagen, die berühren und Mut machen. Das Mitgefühl mit jedem Geschöpf wird zum Antrieb eines neuen Handelns.“ Darüber hinaus äußerte Rosenberger den Wunsch, die Enzyklika möge in Oberösterreich Breitenwirkung erzielen, etwa durch den Dialog der verschiedenen Religionen und gemeinsame Überlegungen, wo ein Beitrag möglich sei.

Zum Enzyklika und zu gelebter Schöpfungsverantwortung in der Diözese Linz.

Quelle: Diözese Linz. 23.6.2015/he


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