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Brennendes Interesse. C. Theobald über alltagsbezogene Pastoral.

"Brennendes Interesse am Alltag der Menschen. Zum theologischen Hintergrund 'Leben zeugender Pastoral'" lautete der Titel des öffentlichen Abendvortrags von Dr. Christoph Theobald SJ, Professor für Fundamentaltheologie und Dogmatik an der Theologischen Fakultät des Centre Sèvres in Paris, am 25. April 2017 an der Katholischen Privat-Universität Linz. Ausgehend von einer Phänomenologie des Alltags wurde ein aus Frankreich stammender Versuch alltagsbezogener Pastoral vorgestellt und sein theologischer Hintergrund im Blick auf unsere Seelsorge befragt.


Prof. Dr. Christoph Theobald SJ (re) mit Rektor Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber.
Prof. Dr. Christoph Theobald SJ (re) mit Rektor Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber.

Mit einem Zitat von Erich Auerbach, welches eine genealogische Beziehung zwischen unserem Interesse am täglichen Leben und den biblischen Erzählungen herstellt, beginnt Prof. Theobald seine theologisch-pastoralen Gedanken über den Alltag der Menschen. Es sei der Alltagsmensch, der die entscheidende Herausforderung an die heutige kirchliche Pastoral darstelle und dem das Interesse zu gelten habe. Die Vermittlung zwischen einer dem Alltag dienenden Pastoral und der Schrift lässt sich, so Theobald, nur über eine biblisch-spirituelle Haltung herstellen, die er mit dem Begriff des „brennenden Interesses“ beschreibt: Brennendes Interesse am Alltag der Menschen.

Unser Alltag ist einem gleichförmigen Ablauf unterworfen, die immer stärkere Spezialisierung unserer Gesellschafts- und Kompetenzbereiche lasse unsere privaten, beruflichen und gesellschaftlichen Beziehungssphären auseinanderdriften. Als wichtigster Wert eines gelungenen Lebens gilt die Gesundheit, gefolgt von wirtschaftlicher Sicherheit, von Beziehungen, familiären Bindungen und Freundschaften und schließlich von Freizeitbeschäftigungen, die oftmals eine Flucht aus dem Alltag ermöglichen. Strukturell unterbrochen wird der Alltag von Krisen, von Projekten – die wiederum mit unseren Wertvorstellungen korrelieren – und von einer Vielzahl von Ereignissen, von „Zufällen“, die unserer Lebensgeschichte eine unerwartete Wendung geben.

Sind diese Unterbrechungen, diese Eröffnungs- oder Erschließungssituationen negativ belastet, bedeutet dies oft eine Bedrohung des Lebensglaubens, welcher durch den glaubhaften Zuspruch eines Mitmenschen wiederhergestellt werden kann. Entscheidend ist dabei die Art des Interesses, welches jemand dem Alltag eines anderen entgegenbringt.

Theobald benennt dabei ein leidenschaftliches Interesse am Alltag anderer, welches entstehen und gelernt werden muss, welches Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen verlangt, in der Begegnung mit anderen Unterbrechungen wahrzunehmen. Meist geschieht dies durch die Orientierung an Vorbildern. So begann auch mit dem Ruf in die Nachfolge Jesu eine lange Phase des Lernens für seine Jüngerinnen und Jünger. Das von Jesus vermittelte messianische Interesse für den galiläischen Alltagsmenschen beschreibt Lukas mit der Metapher des Feuers: Das „brennende Interesse“ am Alltag aller Menschen wird an Pfingsten verdeutlicht.

Den pastoralen Dienst der Kirche stellt das Interesse am Alltag der Mitmenschen vor die Frage nach der Grundhaltung. Ist es heute oft Intention, die Menschen zu Jesus zu führen, verlief der Dienst Jesu an seinen ZeitgenossInnen in umgekehrter Richtung: Im Mittelpunkt stand der bedrohte Lebensglaube des ihm begegnenden Menschen. Jesus ging es um ein „absichtsloses“, „reines“ und „bedingungsloses“ Interesse. In den Erzählungen der Schrift lässt sich eine relativ einfache Grundstruktur erschließen. Das „messianische Zeichen“ ist das Entstehen des elementaren Lebensglaubens in der konkreten Begegnung mit Jesu. Im seinem Zuspruch „Mein Sohn – meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen“ hat die „zeugende Pastoral“ ihren Ursprung. Es ist Bedingungslosigkeit des Interesses, die der entstehenden Jesusbewegung seine spezifische Form gibt.

Einer „zeugenden Pastoral“ geht es um die Entstehungsbedingungen des Glaubens in seiner individuellen, relationalen und gesellschaftlichen Struktur. Es gilt die Heilige Schrift mit den alltäglichen Lebensgeschichten in Beziehung zu setzen. Methodisch geht es dabei um eine biblisch-pastorale Hermeneutik, die die geschichtliche Differenz zu überwinden vermag.

Zur Definition einer „zeugenden Pastoral“ zählt die wesentliche Unterscheidung zwischen einem universal verbreiteten Lebensglaubens einerseits und dem Christus- und Gottesglauben andererseits. Ein weiteres Element ist das brennende und bedingungslose Interesse Jesu am anderen Menschen. Die sogenannte „Pastoralität“ ist nicht nur Ausgangs- oder Zielpunkt theologischer Reflexion, sondern ihr eigentlicher geschichtlicher Raum. Eine „zeugende Pastoral“ führt zurück zum Ursprung und hilft die wechselseitige Beziehung von Leben und Glauben zu denken.

Der Vortragsabend wurde organisiert von der Interdisziplinären Forschungsgruppe Authentizität (IFGA) der Katholischen Privat-Universität Linz. 

Christoph Theobald SJ, geb. 1946 in Köln, lehrt als Professor für Fundamentaltheologie und Dogmatik an der Theologischen Fakultät des Centre Sèvres in Paris. Er ist einer der führenden und international renommierten Theologen Frankreichs mit Forschungsschwerpunkten in der Theologie der Offenbarung, Dogmengeschichte, Christologie, Anthropologie, Phänomenologie, Ästhetik und Pastoraltheologie.

3.5.2017/he


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