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Antrittsvorlesung: Michael Fuchs über den Ort der Ethik.

Der Begriff der Ethik ist in unserem Leben vielerorts und in unterschiedlichsten Kontexten präsent. Gefordert ist nicht nur Moral und ihre Vermittlung, sondern auch ethische Reflexion. Welchen Beitrag die Philosophie zum interdisziplinären und öffentlichen Diskurs leisten kann, erläuterte der neue Lehrstuhlinhaber für Praktische Philosophie/Ethik an der KU Linz, Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs, in seiner gestrigen Antrittsvorlesung.


Von li: Rektor Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber, Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs, Vizerektor Univ.-Prof. Dr. Ewald Volgger.

„Philosophische Ethik verdient ihren Namen nur, wenn sie sich ... den Grundfragen nach der Natur des Menschen und seiner Stellung in der Welt eröffnet.“ Mit einem Zitat des Philosophen Walter Schulz leitete Rektor Franz Gruber die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs, Professor für Praktische Philosophie/Ethik, am 20. Oktober 2016 an der Katholischen Privat-Universität Linz ein.

Dem Begriff Ethik begegnet man im Alltag häufig und in durchaus unterschiedlichen Zusammenhängen, so Professor Fuchs eingangs, etwa wenn große börsennotierte Unternehmen eine Ethikkommission einrichten, wenn Staatspräsidenten oder Parlamente einen Ethikrat berufen, wenn in einer bestimmten medizinischen Behandlungssituation ein Ethikkonzil abgehalten wird oder wenn das Internationale Olympische Komitee unter dem Verdacht der Korruption auf die Kontrolle durch eine Ethikkommission verweist. In den universitären Curricula findet man die Ethik in der Philosophie, in der Theologie, aber auch in der Medizin und in einigen Studiengängen der Wirtschaftswissenschaften.

Michael Fuchs sieht Ethik in der Philosophie verortet. Der Ursprung der Ethik ist allerdings nicht das Staunen, wie Platon und auch Aristoteles es von der Metaphysik behaupten, sondern die Krise der normativen Selbstverständlichkeiten. Die Ethik erzeugt nicht Krisen, sie schürt sie auch nicht unbedingt, sondern sie findet sie vor, und sie sucht Instrumente ihrer reflexiven und diskursiven Bewältigung. Dies zeigt sich in den Auseinandersetzungen des Sokrates und der Sophisten mit den traditionellen Sitten und Normen, in den Ansätzen der Neuzeit und ebenso auch in der Gegenwart.

Die Rehabilitierung der praktischen Vernunft in der Philosophie, ebenso wie der „Ethik-Boom“ der Gegenwart kann in Zusammenhang globaler Bedrohungen gesehen werden, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wahrgenommen werden. Erweiterte Handlungsmöglichkeiten durch Technik und Wissenschaft bringen die Frage nach der Verantwortung des Handelns in neuer Weise mit sich. Die ethische Prüfung solcher Handlungsmöglichkeiten erfolgt vor allem in den Bereichsethiken und hier besonders in der Bioethik. Gegenwärtig ist vor allem die Frage offen, ob und wie Prinzipien, die in der Bioethik mit Bezug auf die Medizin entwickelt wurden, auch außerhalb des Gesundheitsbereichs geltend gemacht werden können, zum Beispiel bei technischen Assistenzsystemen für ältere Menschen oder im Wettkampfsport.

Ethische Fragen stellen sich, wenn Gewohnheiten des Handelns fraglich werden, weil nicht eindeutig und unstrittig ist, was moralisch zu tun geboten ist. Auch wo solche Gewohnheiten noch gar nicht bestehen, weil im Handeln Neuland betreten wird – wie dies im Bereich von Wissenschaft und Forschung der Fall ist – ist ethische Reflexion erforderlich.

Michael Fuchs stellte die Frage nach dem Ort der Ethik in Linz. Innovation dient in Oberösterreich als Grundlage für gesellschaftliche Entwicklung, sei es im Bereich der Technik oder im Bereich der Medizin, etwa in Zusammenhang mit der Gründung der Medizinischen Fakultät an der Johannes Kepler Universität. Fragen der Ethik können in Linz und Oberösterreich vielerorts interdisziplinär und öffentlich diskutiert und bearbeitet werden. Mit der neuen Fakultät für Philosophie und für Kunstwissenschaft und dem neuen Lehrstuhl für Praktische Philosophie/Ethik leistet die KU Linz einen grundlegenden Beitrag zum gesellschaftlichen Dialog.

Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs

Der 1962 in Duisburg geborene Michael Fuchs studierte Philosophie, Katholische Theologie, Germanistik und Erziehungswissenschaften in Bonn, Toulouse und Köln. 2013 habilitierte er sich für das Fach Philosophie an der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn. Seine berufliche Laufbahn begann er als Mitarbeiter am Philosophischen Seminar der Universität Bonn. Von 1994 bis 1997 war er Geschäftsführender wissenschaftlicher Assistent, ab 1997 Geschäftsführer des Instituts für Wissenschaft und Ethik an der Universität Bonn. Seit dem Wintersemester 2015/16 ist Michael Fuchs Universitätsprofessor für Praktische Philosophie/Ethik an der KU Linz. Seine Forschungsschwerpunkte sind Allgemeine Ethik, Wissenschaftsethik, Bio- und Medizinethik, Wissenschaftsphilosophie, Ontologie, Sprachphilosophie sowie Philosophie des lateinischen Mittelalters.

Prof. Fuchs war und ist Mitglied zahlreicher internationaler Gremien und Expertenkommissionen: Von 2000 bis 2012 war er Vertreter des IWE im Board of Directors der European Association of Centres of Medical Ethics (EACME), 2000 bis 2013 Projektleiter verschiedener Studien zum Bereich der Bioethik und der Forschungsethik für die DFG, BMBF und EU-Kommission. Im Jahr 2001 war Michael Fuchs Experte für den Deutschen Bundestag zum Thema „Moralischer Dissens in der Bioethik“. Seit 2013 ist er Kooperierender Experte für den Europarat für das Thema “Ethical issues in emerging technologies“.

21.10.2016/he


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