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Aktuelle Ausgabe der ThPQ zum Thema Barmherzigkeit.

Papst Franziskus eröffnete am 8. Dezember 2016 ein Heiliges Jahr als Jubiläum der Barmherzigkeit. Dieses Motto beeinflusste im vergangenen Jahr zahlreiche theoretische Reflexionen, soziales Engagement der christlichen Gemeinden und künstlerische Umsetzungen in Kirchen. Das aktuelle Themenheft der Theologisch-praktischen Quartalsschrift 4/2016 wirft einen Blick auf den Begriff der Barmherzigkeit. Auch skeptische Töne und kritische Positionen werden thematisiert.


ThPQ 4/2016: Barmherzigkeit.
Buchumschlag ThPQ 4/2016: Barmherzigkeit.

Liebe Leserin, lieber Leser!

Am 8. Dezember 2015 eröffnete Papst Franziskus – in symbolträchtiger Erinnerung an den Abschluss des II. Vatikanischen Konzils 50 Jahre zuvor – ein Heiliges Jahr, profiliert als „Jubiläum der Barmherzigkeit“. Ohne Zweifel hat das Motto der Barmherzigkeit – „Tragebalken, der das Leben der Kirche stützt“ (Franziskus) – die katholische Kirche in dieser Zeit vitalisiert: Theologische Reflexionen wurden, auch in interreligiöser Ausrichtung, auf das Gottesattribut der Barmherzigkeit zentriert. Das caritative und das soziale Engagement vieler Christinnen und Christen (etwa in der Flüchtlingshilfe) haben gehörigen theologischen Rückenwind erfahren. In künstlerischen Umsetzungen wurden in Kirchen symbolisch Pforten der Barmherzigkeit errichtet; eine Spiritualität der Barmherzigkeit wurde in Liturgien und Exerzitien eingeübt. Dennoch mischen sich skeptische Töne in das Jubiläum. In seinem Kommentar zur Eröffnung des Heiligen Jahres (am 8.12.2015 in der Süddeutschen Zeitung) sieht der Religionsjournalist Matthias Drobinski das Risiko, dass am Ende des Jahres der Begriff Barmherzigkeit arg abgegriffen sein wird.

Tatsächlich sind zwei Gefahren mit Begriff und Praxis von Barmherzigkeit verbunden: Die oft beschworene Maxime, sich in Barmherzigkeit zu üben, klingt in einer Konkurrenz- und Hochleistungsgesellschaft schnell sentimental, welt- und praxisfremd. Zudem ist der Ruf nach Barmherzigkeit missbrauchsanfällig, steht er doch in der Gefahr, herablassende Mildtätigkeit an die Stelle notwendiger Strukturveränderung zu setzen. Es ist das Verdienst unserer Autorin und Autoren, diesen Gefahren einer weltfremden und einer Unrechtsstrukturen stabilisierenden Vorstellung von Barmherzigkeit in ihren Beiträgen konsequent entgegenzutreten und Barmherzigkeit aus Sicht verschiedener wissenschaftlicher Perspektiven inhaltlich zu profilieren:

In seinen differenzierten und gesichtspunktreichen Analysen zum biblischen Sprachgebrauch zeigt der Bochumer Alttestamentler Jürgen Ebach überzeugend, wie im biblischen Denken Barmherzigkeit und Gerechtigkeit ineinander verwoben sind und beide gerade eben nicht gegeneinander ausgespielt werden können. Auch der Osnabrücker Systematische Theologe Stefan Silber betont aus befreiungstheologischer Sicht, dass Barmherzigkeit zu üben zugleich für Gerechtigkeit einzutreten bedeutet. Silber plädiert dafür, Barmherzigkeit als Prinzip christlicher Praxis anzusehen, das grundsätzlich Wahrnehmungen, Deutungen und Handlungsformen von Christinnen und Christen bestimmen sollte. Bernhard Vondrášek, Professor an der Katholischen Stiftungsfachhochschule in München und Salesianer Don Boscos, macht deutlich, wie sich Barmherzigkeit in der Spiritualität, aber auch in sozialpädagogischen Konzepten seines Ordens auswirkt. In Anlehnung an seinen Ordensgründer Don Bosco versteht Vondrášek Barmherzigkeit sozusagen habituell, als eine besondere Form der Begegnung, die von der nicht verdienbaren „Liebenswürdigkeit“ eines jeden Menschen ausgeht. Auf die genuin theologische Bedeutung der institutionalisierten Caritas als „Realisierungsform des Volkes Gottes“ weist Rainer Krockauer hin, der eine Professur für Theologie und Ethik an der Katholischen Hochschule Nordrheinwestfalen innehat. Der Barmherzigkeit verpflichtete Caritas setzt sich in einer politischen Diakonie um, die sich nicht auf Almosengeben beschränken lässt. Der Linzer Philosoph Michael Fuchs zeigt in seinem instruktiven ideengeschichtlichen Durchgang, wie Gefühle des Mitleides und rational begründete Forderungen nach Gerechtigkeit auch in philosophischen Traditionen zusammenspielen. Für eine „sorgsame Gesellschaft“ und gegen die „Sorglosigkeit des Kapitalismus“ spricht sich Maria Dammayr in ihrem Artikel aus. Die Sozialwissenschaftlerin und Theologin aus Linz zeigt, dass die Sorge für sich und für andere angesichts menschlicher Verwundbarkeit alle und nicht nur einige Randgruppen betrifft.

Die thematisch freien Beiträge unseres Heftes sind der bleibenden Erinnerung zweier Personen und ihres Werkes gewidmet: Der Trierer Dogmatiker Johannes Schelhas arbeitet das zentrale Thema des Konzilspapstes Paul VI. heraus, den Dialog, und zeigt dessen spirituelle Dimensionen auf. Die Linzer Systematiker Hanjo Sauer und Walter Raberger erinnern an den theologischen Aufbruch, den ihr kürzlich verstorbener Lehrer Franz Schupp (1936–2016) als Innsbrucker Dogmatiker in den 1970er-Jahren initiiert hat, der jedoch unter tragischen Umständen Fragment blieb.

Geschätzte Leserinnen und Leser,

am 20. November 2016 wird das der Barmherzigkeit gewidmete Jubiläumsjahr enden. Was wird von ihm bleiben? Der bereits oben erwähnte Journalist Drobinski hat mit dem Heiligen Jahr der Barmherzigkeit nicht nur die schon erwähnte Befürchtung einer inhaltlichen Entleerung des christlichen Leitwertes verbunden. Er sieht auch eine große Chance, die sich für die katholische Kirche ergibt: „Die Chance dieses Jahres liegt darin, dass die katholische Kirche das Subversive entdeckt, das da in ihrer Tradition liegt. Der alte Begriff der Barmherzigkeit heißt: Das Herz zu ändern. Es bedeutet, dem Unbarmherzigen das Großherzige entgegenzusetzen und dem Besitzstandsdenken die Kultur des Teilens und Abgebens. Barmherzigkeit bedeutet, die Aufnahme vor die Abschottung zu setzen, die Umkehr vor das Weiter-so, den gerechten Frieden vor den gerechten Krieg. Es heißt, dem Perfektionswahn den Wert des Unvollkommenen entgegenzusetzen und den Sinn des Fehlers, aus dem man lernen kann.“ Barmherzigkeit scheint so gar nicht in eine „Selfmade-Gesellschaft“ zu passen, in der Bedürftigkeit als Schwäche und selbstloses Helfen als unklug gelten. Aber gerade im Unzeitgemäßen, im Sperrigen, im Subversiv-Gesellschaftskritischen könnte das humane Potenzial der Barmherzigkeit liegen, das auszuschöpfen sich für die Kirche und die Welt von heute lohnte – auch über das Heilige Jahr hinaus.

Eine bereichernde Lektüre unseres Themenheftes wünscht Ihnen im Namen der Redaktion

Ihr Ansgar Kreutzer (Chefredakteur)

http://www.thpq.at/

18.10.2016, kd


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