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ThPQ 3: Frauen - Standpunkte, Debatten, Perspektiven.

Das aktuelle Themenheft der Theologisch-praktischen Quartalsschrift verortet sich in der offenen Diskussionslage zu Fragen nach den Positionen von Frauen in der Gesellschaft und nach den Rollen von Frauen in der Kirche. Die thematisch freien Beiträge widmen sich einerseits der Parteinahme Dietrich Bonhoeffers für die Juden und andererseits einem Straßenseelsorgeprojekt in Linz.

ThPQ 3: Frauen - Standpunkte, Debatten, Perspektiven.
ThPQ 3: Frauen - Standpunkte, Debatten, Perspektiven.

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

"Wiedervorlage" ist ein Begriff aus der Verwaltungssprache. Wiedervorlagen sind notwendig, wenn ein Prozess noch nicht zu einem befriedigenden Ergebnis gelangt ist. Die Fragen nach den Positionen von Frauen in der Gesellschaft und nach den Rollen von Frauen in der Kirche scheinen sich gerade in solchen "Wiedervorlage-Prozessen" zu befinden. In Österreich wird zwanzig Jahre nach einer ähnlichen Initiative derzeit ein sogenanntes Frauenvolksbegehren in Gang gesetzt, um die Politik an noch nicht verwirklichte Frauenrechte zu erinnern. Auch Wiedervorlagen zur "Stellung der Frau in der Kirche" sind zu beobachten. Besonders die Diskussion um einen möglichen Diakonat der Frau hat in der katholischen Kirche erneut an Fahrt aufgenommen. Vor kurzem hat der Bischof der deutschen Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, die Diakonin als "Zeichen der Zeit" bezeichnet. Im Vatikan wurde eine viel beachtete Studienkommission zum Diakonat der Frau eingesetzt.

In diesen offenen Diskussionslagen verortet sich das aktuelle Themenschwerpunktheft der Theologisch-praktischen Quartalschrift. Sein inhaltliches Profil besteht darin, die gesellschaftlichen und kirchlichen Debatten – angesichts einer Kirche, die sich selbst programmatisch als "Kirche in der Welt von heute" (Pastoralkonstitution des II. Vatikanischen Konzils) betrachtet – auch in ihren Zusammenhängen zu sehen.

Den Auftakt macht die Frankfurter Moraltheologin Edeltraud Koller. Sie zieht Bilanz: Was ist aus dem gesellschaftlichen Projekt der Frauenemanzipation geworden? Der Feminismus ist in dieser Hinsicht zwar durchaus eine Erfolgsgeschichte; indes sind so viele Ziele der Geschlechtergerechtigkeit noch unerfüllt geblieben, dass es verfrüht erscheint, schon ein "postfeministisches" Zeitalter auszurufen. Eine zentrale Frage der Gleichbehandlung von Männern und Frauen bleibt die gerechte Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Eva Fleischer und Andrea Trenkwalder-Egger, beide FH-Professorinnen am Management Center Innsbruck mit Arbeitsschwerpunkten in Sozialer Arbeit, verweisen darauf, dass häusliche Pflege noch zu 70 % von Frauen geleistet wird, und fordern als Konsequenz ein Umdenken im Menschenbild. Werden alle Menschen als bedürftig und als potenziell Pflegende angesehen, könnte ein solcher Gesinnungswandel zu anderen, geschlechtergerechteren Verteilungen der Pflegearbeit führen. Der Beitrag von Andrea Qualbrink aus Graz bildet konzeptionell ein Scharnier zwischen gesellschaftlichen und kirchlichen Fragen. Die Autorin vergleicht Frauen in Leitungspositionen in der Wirtschaft und in der Kirche. Dabei stellt sie überraschende Parallelen fest, auch was die anstehenden Herausforderungen und adäquaten Maßnahmen zur Förderung von Frauen in Führungspositionen angeht. Martina Bärs Artikel setzt grundsätzlich an. Auf zwei Begründungsebenen argumentiert die Systematische Theologin aus Bern für Geschlechtergerechtigkeit. Einmal lässt sie sich – aus philosophischer Sicht und in Einklang mit dem Menschenrechtsethos – aus der gleichen Würde aller Menschen ableiten. Zum andern entspricht die Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit jedoch auch dem jüdisch-christlichen Menschenbild, wie es sich in der theologischen Rede von der Gottebenbildlichkeit der Menschen darstellt. Die Osnabrücker Systematische Theologin Margit Eckholt greift die lebhaften kirchlichen und theologischen Diskussionen um den Diakonat der Frau auf. Sie referiert den Diskussionsstand vom II. Vatikanischen Konzil an bis zur Einsetzung der Studienkommission zum Diakonat durch Papst Franziskus im Jahr 2016. Ihre Überlegungen münden in ein Plädoyer für die Notwendigkeit von Diakoninnen in der katholischen Kirche – gerade "in modernen, globalisierten und von verschiedensten ‚Exklusionen‘ bestimmten Zeiten". Der abschließende Artikel des Themenschwerpunktes richtet seinen Blick auf einen wichtigen Bereich der Präsenz von Frauen in der Kirche und in der Gesellschaft: auf die Frauenorden. Die Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen, Katharina Ganz, beschreibt nüchtern und faktenorientiert die zum Teil dramatischen Ab- und Umbrüche, denen Frauenorden heutzutage ausgesetzt sind. Zugleich entdeckt sie in inspirierender Weise die darin liegenden Chancen zu Neuaufbrüchen.

Zwei thematisch freie Beiträge empfehle ich zur Lektüre: Gunter Prüller-Jagenteufel zeigt die biografisch und theologisch beeindruckende Parteinahme Dietrich Bonhoeffers für die Juden und das Judentum zur Zeit des nationalsozialistischen Terrors. Hildegard Wustmans stellt mit dem Straßenseelsorgeprojekt „Erzähl mir was“ eine pastorale Idee vor, die zur Nachahmung einlädt. Unter der Rubrik "Das aktuelle theologische Buch" findet sich ein Literaturbericht von Ines Weber, der eine gute Orientierungshilfe in der Flut von Neuerscheinungen zum Reformationsjubiläum 2017 bietet. 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

unsere Autorin Andrea Qualbrink verweist zum Ende ihres Artikels auf das Hirtenschreiben "Zu Fragen der Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft", das die deutschen Bischöfe bereits im Jahre 1981 veröffentlicht haben. Das Dokument bringt die beiden Dimensionen unseres Heftes, die Rollen von Frauen in der Gesellschaft und in der Kirche, in einen engen Zusammenhang: "Die Kirche soll Modell für das gleichwertige und partnerschaftliche Zusammenleben und -wirken von Männern und Frauen sein." Folgt man den Bischöfen in diesem hohen Anspruch, wird deutlich: Die Frauenfrage ist keine kirchliche und theologische Marginalie. Der Umgang der Kirche mit den Frauen ist entscheidender Ausweis ihrer Glaubwürdigkeit. 

Im Namen der Redaktion wünsche ich Ihnen eine anregende Lektüre unseres aktuellen Themenheftes und zugleich eine erholsame Sommer- und Urlaubszeit!

Ihr Ansgar Kreutzer (Chefredakteur)

http://www.thpq.at/

ThPQ 3: Frauen - Standpunkte, Debatten, Perspektiven.

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