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Stephan Wirz über Konsumgenuss, Autonomie und Verantwortung.

Im Rahmen des Forschungsprojekts "Konsumethik" lud die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe "Wirtschaft – Ethik – Gesellschaft" (WiEGe) der Katholischen Privat-Universität Linz am 3. Mai 2017 zu einem Vortrags- und Diskussionsabend mit Professor Stephan Wirz, der am Institut für Sozialethik (ISE) der Universität Luzern lehrt und den Fachbereich Wirtschaft und Arbeit der Paulus Akademie Zürich leitet.

"Konsumgenuss und Verfeinerung des Lebensstils: Der Mensch zwischen Überfluss, 'consumer citizenship' und Suffizienzwirtschaft" lautete das Thema, dem sich zahlreiche Interessierte aus der Linzer Öffentlichkeit, aus diözesanen Einrichtungen und Pfarren widmeten.

Stephan Wirz stellte eingangs ein Spektrum unterschiedlicher Ansätze der Konsumethik dar. Seine Überlegungen reichten von einem überzogenen Konsumismus und einem "Lifestyle-Konsum", den auch Papst Franziskus immer wieder kritisiert, über die zunehmend unübersichtliche Gestaltung von Produktions- und Distributionsverfahren bis zu den neuen Ansätzen einer Postwachstums- und Gemeinwohlökonomie. Professor Wirz verwies auf die Möglichkeiten einer aufklärenden Bildungspolitik, der Steuerpolitik, der individuellen Askese als Fähigkeit zur moralisch klugen Auswahl von Konsumgütern sowie auf den Einsatz neuer sozialer Medien zur Verstärkung von "Buykott"- und "Boykott"-Kampagnen und auf Ansätze der Suffizienzwirtschaft.

Vier Tendenzen. In seinem Vortrag unterschied Wirz vier Tendenzen im aktuellen konsumethischen Diskurs: Zwei davon leugnen zwar nicht problematische Wirkungen des Konsums, betonen aber die Autonomie der KonsumentInnen und setzen dementsprechend auch beim Einzelnen mit der Problemlösungsstrategie an. Der/die Konsumenten/in wird als verantwortungsvolle/r Akteur/in der Bürgergesellschaft ("consumer citizenship") postuliert. Die beiden anderen Tendenzen wenden sich zumindest partiell von der kapitalistischen Wettbewerbs- und Marktdynamik ab, um den (auch) negativen Wirkungen einer internationalisierten bzw. globalisierten und stark beschleunigten Marktwirtschaft die für den Menschen positiveren Wirkungen einer stärker an engeren regionalen Räumen orientierten und "entschleunigten" Wirtschaftsweise gegenüberzustellen (Gemeinwohlwirtschaft, Suffizienzwirtschaft).

Wirz positionierte sich schließlich recht eindeutig mit einem Plädoyer für die Autonomie des/der einzelnen Konsumenten/in und für die positiven Effekte einer dynamischen Marktwirtschaft. Von zentraler Bedeutung sei es, dem einzelnen Menschen nicht vorzuschreiben, wie gutes Leben auszusehen hat. Oberstes Prinzip soll stets die Wahrung der Autonomie des Individuums bleiben, solange die für die Sozial- und Umweltverträglichkeit gültigen Gesetze und Mindeststandards erfüllt werden und demnach kein gravierender Schaden verursacht wird. Insofern obliegt es letztlich in erster Linie der Eigenverantwortung der KonsumentInnen, inwieweit sich soziale, ökologische und ökonomische Anstrengungen – nach den jeweiligen Möglichkeiten – in den Konsumentscheidungen niederschlagen, also etwa im Sinne von "consumer citizenship".

Drei Perspektiven. Besonderes Augenmerk legte Stephan Wirz auf drei Perspektiven: Zum einen hob er den grundsätzlich positiven Charakter des Konsumierens hervor. Demnach stellt Konsum keineswegs ein passives Geschehen dar, sondern ist äußerst produktiv und durchaus auch kreativ. Jegliches Konsumieren sei Teil des je eigenen Lebensentwurfs bzw. Lebenskonzepts und daher identitätsstiftend.

Zweitens ging es Wirz darum, eine Perspektive aufzuzeigen, die zwischen "natürlichen" ("wahren") und "künstlichen" ("falschen") Bedürfnissen nicht unterscheidet. Es gehöre zur anthropologischen Grundverfasstheit des Menschen, dass er die Natur nicht einfach nur hinnehmen und nutzen kann, wie er sie vorfindet, sondern dass er stets gezwungen und in der Lage ist, Natur in Kultur zu transformieren, um sie für sich und andere nutzbar zu machen.

Die dritte wichtige Perspektive bildete jene des "Denkens in Alternativen", was bedeutet, bei jeder Entscheidung über Strukturen und Handlungen die langfristigen Folgen der gegebenen Möglichkeiten zu bedenken. Aus seiner liberalen Position formulierte Wirz in dieser Hinsicht noch einmal Vorbehalte gegen Ansätze der Gemeinwohlökonomie, und zwar auch in globaler Perspektive.

Die in der anschließenden, teilweise kritischen und lebhaften Diskussion aufgeworfenen Fragen und Probleme wird die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe "Wirtschaft – Ethik – Gesellschaft" weiterverfolgen und in ihrem Forschungsprojekt "Konsumethik" eingehend untersuchen. 

Konsumgenuss und Verfeinerung des Lebensstils. Öffentlicher Gastvortrag von Prof. Dr. Stephan Wirz zum Thema Konsumethik an der KU Linz.

Von li: Univ.-Prof. Dr. Christian Spieß (Sprecher der Arbeitsgruppe WiEGe, KU Linz), Prof. Dr. Stephan Wirz (Universität Luzern/Paulus Akademie Zürich), Univ.-Prof. Dr. Michael Rosenberger und Rektor Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber (KU Linz).

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