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Sexarbeit und Migration. Vortrag von Helga Amesberger.

Die "Sozialplattform Migration" der Katholischen Privat-Universität Linz lud am 30. Mai 2017 zur Diskussion mit Dr.in Helga Amesberger vom Institut für Konfliktforschung Wien. Die Ethnologin, Soziologin und Politikwissenschafterin bot unter dem Titel "Migration und Sexarbeit: Diskurse und Realitäten" einen Überblick über die Faktenlage der überwiegend von Migrantinnen geleisteten Sexarbeit in Österreich sowie über den Diskurs über das Phänomen Sexarbeit/Prostitution.

Amesberger skizzierte in ihrem Vortrag neben der Gesetzeslage die empirische Situation: 95% der 7.200 in Österreich registrierten Sexarbeiterinnen (800 davon in OÖ; Ende 2015) sind Migrantinnen (vorwiegend aus Rumänien, Bulgarien und Ungarn, also aus der EU). Registrierte männliche Sexarbeiter gibt es nur sehr wenige. Die Zahl nicht registrierter Anbieter von sexuellen Dienstleistungen ist dabei kaum schätzbar. Amesberger stellte zentrale Ergebnisse ihrer Studie "Sexarbeit in Österreich. Ein Politikfeld zwischen Pragmatismus, Moralisierung und Resistenz" (Wien 2014) vor. Demnach sind die Beweggründe, sexuelle Dienstleistungen anzubieten, sehr vielfältig. Ökonomische Schwierigkeiten, ein eingeschränkter oder gar geschlossener Arbeitsmarkt für niedrig qualifizierte Migrantinnen, die Zurückweisung als einengend empfundener Arbeitsbedingungen oder einfach auch Abenteuerlust können ebenso eine Rolle spielen wie schlicht ökonomisches Kalkül. Die befragten Sexarbeiterinnen sehen sich selbst "nicht als Opfer, sondern als Frauen, die Opfer bringen", so Amesberger, beispielsweise auch für ihre Kinder und Familien.

Die Arbeitsbedingungen der Sexarbeiterinnen in den 770 Bordell- und ähnlichen Betrieben in Österreich (Ende 2016) sind häufig problematisch. Amesberger führt das auf fehlende Regulierung und Kontrolle zurück und betont, dass die Regulierung von Sexarbeit maßgeblichen positiven Einfluss auf die Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen hat, jedoch kaum auf die Größe des Sexarbeitsmarktes. Dies zeigen Vergleiche zwischen Ländern oder Regionen, in denen Sexarbeit strikt verboten ist, und Ländern oder Regionen, in denen sie weitgehend erlaubt und arbeitsrechtlich ausgestaltet ist. Es stellt sich also weniger die Frage, ob Sexarbeit durch Verbote verhindert wird, sondern wie sie durch eine gesetzliche Regulierung zum Vorteil der Sexarbeiterinnen gestaltet werden kann.

Im Weg stehen dabei freilich Geschlechter- und Täterbilder sowie insbesondere eine ausgeprägte Opferzuschreibung, die im Diskurs über Sexarbeit beharrlich reproduziert werden. So würden Sexarbeiterinnen sehr häufig nicht als Frauen, die einem bestimmten Beruf nachgehen, wahrgenommen, sondern pauschal als Opfer von Zuhältern und Menschenhandel. Dies mündet in einer Art „Mehrfach-Stigmatisierung“ von Sexarbeiterinnen als Opfer von Menschenhandel mit geringer Intelligenz und niedrigem Bildungsniveau, die aus ihrer Situation unbedingt zu retten seien, weil sie jedenfalls nicht in der Lage sind, selbst zu entscheiden, ob sie sexuelle Dienstleistungen anbieten möchten oder nicht. Diese Mehrfach-Stigmatisierung erhöht jedoch die Abhängigkeit und Verletzlichkeit der Sexarbeiterinnen, die ohnehin bereits einer großen Vulnerabilität ausgesetzt sind.

Mit konkreten Empfehlungen an die Politik schloss Dr.in Amesberger ihren Gastvortrag: So sollte die Prostitutionspolitik zu besseren Arbeitsbedingungen und zu einer Entstigmatisierung beitragen, indem sie mehr Autonomie und einen größeren Handlungsspielraum für die Sexarbeiterinnen einräumt, etwa für die Legalisierung privater Arbeitsorte (um die Bezahlung hoher Mieten in Laufhäusern zu vermeiden) sorgt sowie Sexarbeit schlicht als Erwerbsarbeit anerkennt und behandelt. Sexarbeiterinnen, so Amesberger, könnten besser vor persönlicher und struktureller Gewalt geschützt werden, wenn sie mit Rechten ausgestattet und nicht zuletzt auch in den Gestaltungsprozess der Prostitutionspolitik eingebunden werden.

von re: Univ.-Prof. Dr. Christian Spieß, Vorstand des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften Johannes Schasching SJ der KU Linz, Dr.in Helga Amesberger, Institut für Konfliktforschung in Wien, Univ.-Ass.in Mag.a Stephanie Steininger, KU Linz.

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