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Ring-VL: Ökonomie und Ethik im Gesundheits- und Pflegebereich.

Unter dem Titel "Gut versorgt?" bot die Ringvorlesung , die die Interdisziplinäre Arbeits- und Forschungsgruppe "Wirtschaft – Ethik – Gesellschaft" der KU Linz im Wintersemester 2017/18 in Kooperation mit der JKU Linz veranstaltete, Vorträge und Diskussionen über effiziente und gerechte Gesundheitsversorgung, Priorisierungs- und Rationierungsentscheidungen, Belastbarkeitsgrenzen, Verantwortlichkeiten, Transparenz und eine politische Gestaltung der Pflege.

Jeweils Mittwoch abends war die Katholische Privat-Universität Linz Bühne für namhafte nationale und internationale WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen aus dem Gesundheits- und Pflegebereich. Das äußerst diskussionsfreudige Publikum, bestehend aus im Gesundheits- und Pflegebereich tätigen Personen, VertreterInnen des Landes, Diözesanbediensteten, Medizin-TechnikerInnen und Studierenden, konfrontierte die ReferentInnen mit Erfahrungsberichten aus der konkreten Praxis, die die wissenschaftlichen Erkenntnisse auf die Probe stellten und damit auch bereicherten.

Von li: Ass.-Prof. Dr. Lukas Kaelin, MMag.a Maria Dammayr, Univ.-Ass.in Mag.a Stephanie Steininger, Univ.-Prof. Dr. Bernhard Emunds.
Von li: Ass.-Prof. Dr. Lukas Kaelin, MMag.a Maria Dammayr, Univ.-Ass.in Mag.a Stephanie Steininger, Univ.-Prof. Dr. Bernhard Emunds. (c) KU Linz/Eder

Der Themenkomplex "Überforderte Angehörige – ausgebeutete Personenbetreuerinnen – entwürdigende Heime" stieß gleich zu Beginn der Reihe auf sehr großes Interesse, sodass Univ.-Prof. Dr. Bernhard Emunds, Leiter des Oswald von Nell-Breuning-Instituts der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, und MMag.a Maria Dammayr, Lektorin an der JKU Linz sowie Referentin im Sozialreferat der Diözese Linz, am 11. Oktober vor einem beinahe bis auf den letzten Platz gefüllten Hörsaal referieren konnten. Sowohl in den Vorträgen als auch in den anschließenden Diskussionen wurden hauptsächlich die (aufgrund von massivem Personalmangel) oft menschenunwürdige Pflege und Betreuung der Bewohner/innen in den Altenheimen sowie die meist entwürdigenden Arbeitsbedingungen von ausländischen Personenbetreuerinnen in der 24-Stunden-Betreuung und von PflegerInnen in den Altenheimen problematisiert.

Am folgenden Termin sorgten vor allem die Einblicke in das Schweizer Gesundheitssystem durch Ass.-Prof. Dr. Lukas Kaelin, Assistenz-Professor am Institut für Praktische Philosophie/Ethik an der KU Linz, für neue Perspektiven. So sind in der Schweiz durch ein stark differenziertes Krankenversicherungs-Modell in der Stadt höhere Beiträge als am Land ins Gesundheitssystem einzuzahlen. Das Österreichische Gesundheitssystem im internationalen Vergleich präsentierte Univ.-Prof.in Dr.in Dorothea Greiling, Professorin und Vorstand des Instituts für Management Accounting der JKU Linz, und wartete mit beachtenswerten Fakten auf: So führen in Österreich eine sehr hohe Spitallastigkeit sowie eine überdurchschnittliche Versorgung mit Großgeräten zu hohen Kosten. Ein viel zu geringer Anteil an Pflegekräften im internationalen Vergleich zeigt, dass diese Gelder dringend dafür benötigt würden.

Univ.-Prof. Dr. Michael Rosenberger, Professor der Moraltheologie an der KU Linz, unternahm am 8. November den Versuch, die Frage "(Wie) Kann Rationierung fair sein?" zu beantworten: Da Knappheiten unausweichlich zum Dasein auf Erden gehören, ist auch Rationierung unumgänglicher Bestandteil des Lebens. Wird an eine Gesundheits-Religion geglaubt, in der Gesundheit mit Heil gleichgesetzt wird und demnach alle immer jede Gesundheitsleistung sofort erhalten sollen, so kann Rationierung niemals fair gestaltet werden. Rationierung kann letztlich nur dann als fair und ethisch verantwortet gesehen werden, wenn die Zerbrechlichkeit des Leibes bewusst angenommen, Heil als anfangshaft gesehen und das Leben als wertvoll, weil endlich, verstanden wird.

Von li: Priv.-Doz. Dr. Jürgen Wallner, MBA, Landesrätin Mag.a Christine Haberlander, Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs.
Von li: Priv.-Doz. Dr. Jürgen Wallner, MBA, Landesrätin Mag.a Christine Haberlander, Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs. (c) KU Linz/Eder

Mag.a Christine Haberlander, Oberösterreichische Landesrätin, und Priv.-Doz. Dr. Jürgen Wallner, MBA, Leiter des Ethikprogramms der Barmherzigen Brüder Österreich und Dozent für Rechtsethik an der Universität Wien und an der JKU Linz, warfen einen Blick in die Zukunft des Oberösterreichischen Gesundheitssystems. Dabei wurde deutlich, dass neben Rationierung ebenso Rationalisierung (Effizienzsteigerung) eine ethische Pflicht darstellt. Erfolgreich erprobte Programme zur ethisch verantwortungsbewussten Rationalisierung lauten Choosing Wisely und Lean Health Care – dennoch sind auch diese niemals frei von Stolperfallen.

Univ.-Prof. Dr. Gerd Glaeske, Co-Leiter der Abteilung für Gesundheit, Pflege und Alterssicherung im SOCIUM – Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik  der Universität Bremen, führte in aller Deutlichkeit Probleme und Missstände in der Arzneimittelversorgung vor Augen: das Arzneimittelangebot trägt nicht immer zur Versorgungsgerechtigkeit bei, denn nicht immer kann ein Zusatznutzen gegenüber bisher verfügbaren Mitteln belegt werden und dennoch wird verordnet; Über-, Unter- und Fehlversorgung sind unethisch, schaden den Patient/innen und führen zu einem negativen Kosten-Nutzen-Verhältnis. Für eine Gerechtigkeit in der Arzneimittelversorgung bedarf es für Glaeske hingegen einer Orientierung am evidenzbasierten Bedarf sowie an der Angemessenheit der Intervention.

Mag.a (FH) Michaela Haunold, Caritas für Menschen in Not, Stellenleitung Armutsmigration (Linz), ließ am folgenden Mittwochabend die Besucher/innen der Ringvorlesung an ihren Erfahrungen im Bereich der niederschwelligen Gesundheitsarbeit, am Beispiel des Help-Mobils der Caritas Linz, teilhaben. Wie unbedingt notwendig eine derartige, niederschwellige Gesundheitsversorgung, ohne jegliche Barrieren im gewohnten Umfeld der jeweils Betroffenen, ist, führten teils sehr persönliche Schicksale klar vor Augen. Deshalb lohnt es sich, trotz aller rechtlichen und finanziellen Schwierigkeiten, für das Bestehen solcher Einrichtungen zu kämpfen. Priv.-Doz.in Dr.in Bettina Leibetseder, Privat-Dozentin am Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik der JKU Linz, unterstrich all dies mit einem zusätzlichen Hinweis auf die enorme Bedeutung von Bildung für die Gesundheit.

Der Nutzen medizinischer Maßnahmen, als Entscheidungshilfe im Sinne gerechter Verteilung, stand bei Priv.-Doz.in Dr.in Claudia Wild, Leiterin des LBI-HTA, Kommunikationswissenschaft, Sozialmedizin (Wien), im Mittelpunkt ihres Vortrags. Sie stellte das sogenannte Health Technology Assessment (HTA) vor­, eine wissenschaftliche Entscheidungsunterstützung zur Gesundheitspolitikberatung. Wie die grundsätzliche Bewertung ethischer Aspekte bzw. die Einbeziehung dieser bei der Bewertung einzelner Gesundheitstechnologien im HTA im Optimalfall ablaufen sollte, darüber informierte anschließend Dr.in Dipl.-Biol. Petra Schnell-Inderst, MPH, Koordinatorin des HTA Programms an der UMIT (Hall/Tirol), sehr anschaulich.

Welche Herausforderungen das System der Triage, ein standardisiertes Verfahren zur Ersteinschätzung bei Notfällen, bereithält, davon wusste OA Dr. Walter Mitterndorfer, Oberarzt am Kepler Universitätsklinikum Linz, Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin, aus eigener praktischer Erfahrung zu berichten. Fehlinformationen bei der Alarmierung und beim Eintreffen am Unglücksort sowie begrenzte finanzielle, materielle und personelle Ressourcen machen diese notwendige Ersteinschätzung ebenso zu einer äußerst schwierigen und komplexen Angelegenheit, wie die zu berücksichtigenden philosophischen und ethischen Aspekte, die Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs, Professor der Praktischen Philosophie/Ethik an der KU Linz, im Anschluss noch erörterte.

Aktuelle Gefährdungen der Dimension der Sorge (Care) für sich und andere thematisierten Dr.in Elisabeth Menschl, Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie der JKU Linz, und MMag.a Maria Dammayr. Eine derartige Sorge-Krise ist gegenwärtig vor allem im Bereich der Altenpflege, sowohl in den Altenheimen als auch in der 24-Stunden-Betreuung, zu finden. Grundrechte wie das Stillen von Grundbedürfnissen, das Nachdenken über die eigene Lebensplanung oder das Eigentumsrecht (welches das Recht über den eigenen Körper miteinschließt), die Martha Nussbaum einfordert, bleiben oftmals verwehrt. Dahingegen sollte Care ermöglichen, dass sowohl Sorgende als auch Umsorgte, trotz Abhängigkeiten, autonom leben können.

Zu deutlichen Kontroversen kam es in der Diskussion zwischen Dr. Peter Niedermoser, Präsident der Ärztekammer für Oberösterreich, und Dr. Franz Piribauer, ehemaliger Leiter der Arbeitsgruppe Gesundheitswesen von Transparency International (Wien), zum Thema Transparenz im Gesundheitssystem. Einstimmigkeit herrschte zumindest dahingehend, dass Transparenz als oberstes Gebot zu gelten habe und dass es im Bereich des transparenten Sponsorings durch die Pharmaindustrie zu deutlichen Verbesserungen gekommen sei. Ob jedoch medizinische Forschung auf finanzielle Unterstützung durch Pharmakonzerne angewiesen sei oder ob es auch Alternativen gäbe, die nicht wahrgenommen werden, darüber wurde, auch unter energischer Beteiligung des Publikums, heftig diskutiert.

In der Podiumsdiskussion zum Thema "Gesundheit als Gut!?" fand die Ringvorlesung einen inspirierenden Abschluss. Univ.-Prof.in Dr.in Dorothea Greiling, Dr.in Elisabeth Menschl, Univ.-Prof. Dr. Michael Rosenberger und Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs beleuchteten das Thema Gut aus der Perspektive ihrer jeweiligen wissenschaftlichen Disziplinen. Schließlich kamen am Ende sowohl die ReferentInnen als auch die TeilnehmerInnen der Ringvorlesung darin überein, dass Gesundheit zwar ein sehr bedeutsames und daher nicht zu unterschätzendes Gut sei, aber dennoch auch kein zu überschätzendes und demnach nicht das höchste Gut – weil sie letztlich immer auf höhere Güter hingeordnet bleibe.

14.2.2018/steni/he

Am Podium von li: Univ.-Prof.in Dr.in Dorothea Greiling, Univ.-Prof. Dr. Michael Rosenberger, Dr.in Elisabeth Menschl, Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs. Moderation: Univ.-Ass.in Mag.a Stephanie Steininger.

Von li: Univ.-Prof. Dr. Michael Rosenberger, Dr.in Elisabeth Menschl, Univ.-Prof.in Dr.in Dorothea Greiling, Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs.

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