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Michael von Brück über westliche und östliche Spiritualität.

Im Rahmen des Masterstudiums "Religion in Kultur und Gesellschaft" hielt der renommierte Religionswissenschaftler und Honorarprofessor der KU Linz Univ.-Prof. Dr. Michael von Brück am 27. Juni 2017 einen Vortrag zum Thema "Westliche und östliche Spiritualität. Welche Religiosität passt in die europäische Gesellschaft?" in dem er – wie das Masterstudium selbst – auf die Bedeutung von Religion(en) und Spiritualität in der Tradition und in modernen Gesellschaften einging.

Univ.-Prof. Dr. Michael von Brück.
Univ.-Prof. Dr. Michael von Brück. (c) KU Linz/Eder

Michael von Brück definiert den Begriff der Spiritualität als "Beschäftigung des Bewusstseins mit sich selbst" und betont, dass westliche und östliche Spiritualität aus historischer Perspektive keineswegs so strikt voneinander getrennt werden müssten wie es vielleicht auf den ersten Blick scheint. Bereits aus der Antike gibt es Quellen, die ein Zusammentreffen und eine gegenseitige Beeinflussung von westlicher und östlicher Kultur bzw. Religion belegen.

Als ein Bespiel für ein östliches, spirituelles System stellt von Brück den achtgliedrigen Pfad des Yoga vor: Dieser Pfad führt begonnen bei ethischen Grundlagen (von Ge- und Verboten), über Körperhaltungen, Kontrolle der Lebensenergie (besonders des Atems), Zurückziehung der Sinne und Aufmerksamkeitslenkung nach Innen, bis hin zur Konzentration auf einen Punkt und dem Verweilen in dieser Konzentration, bis zum Ziel einer vollkommenen Klarheit hin, die die Aufhebung der Subjekt-Objekt-Spaltung bedeutet.

Im Vergleich mit der christlichen Spiritualität findet Michael von Brück für die aus der Tradition stammenden Begriffe von lectio, meditatio und contemplatio jeweils Entsprechungen in der buddhistischen Tradition. Die oratio, das Gebet, hat kein Pendant in östlicher Spiritualität und scheint auf den ersten Blick die strikte Unterscheidung von westlicher, personaler Spiritualität und der östlichen, apersonalen bzw. transpersonalen Spiritualität zu stützen. Professor von Brück zeigt jedoch anhand von TheologInnen aus der christlichen Tradition (wie Paulus, Johannes vom Kreuz, Teresa von Avila, u.a.), dass gerade das Gebet der Ort sein kann, an dem das Selbst von seiner Selbstzentrierung loslässt und mit Gott eins wird. Der Beter/die Beterin ist nicht mehr Subjekt des Gebets, sondern der Geist/die göttliche Kraft selbst betet im Menschen (vgl. Röm 8; Gal 2; 1 Thess 5).

So kann gesagt werden westliche Spiritualität ist primär am Personalen orientiert, die östliche legt den Fokus auf "Transpersonales". Jedoch kann auch ein christliches Gebet zur transpersonalen Einheit führen und ist das Personale ein wichtiger Bereich in der Entwicklung des Menschen aus buddhistischer Sicht.

"Welche Religiosität taugt nun für Menschen einer europäischen bzw. jeglicher Gesellschaft?", fragt Michael von Brück am Ende des Vortrages. Die die Menschen zur metanoia, zur Transformation, "Umkehr" und Auslotung positiver Bewusstseinspotenziale, führt, ist die Antwort. Hierbei könnte die westliche Tradition etwas vom Bewusstsein der indisch und ostasiatischen Tradition der Kontinuität von materiellen und geistigen Vorgängen im Menschen lernen und umgekehrt der personale Beziehungsaspekt der christlichen Tradition eine Bereicherung für östlich geprägte Spiritualitäten sein.

29.6.2017/Gudrun Becker/he

von li: Univ.-Prof. Dr. Ansgar Kreutzer, Univ.-Prof. Dr. Michael von Brück, Ass.-Prof.in Dr.in Sibylle Trawöger.

Univ.-Prof. Dr. Michael von Brück referiert über westliche und östliche Spiritualität.

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