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Heft 4/2016: Metaphysik


„Metaphysik“ bedeutet Grenzüberschreitung: Über die Physis, über die sinnliche Wahrnehmung, über die Grenzen der materiellen Welt hinaus… – Dennoch oder gerade deshalb haben sich Menschen – zumal Philosophen und Theologen – immer wieder daran gemacht, diese Grenzen zu überschreiten, auf der Suche nach einem Großen Ganzen, nach ersten Gründen, zeitlosen Prinzipien, nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält. Auch und gerade Künstlerinnen und Künstler haben das getan – sei es mit umfassenden ästhetischen Welt- und Himmelsentwürfen, sei es mit künstlerischen Wahrheitsansprüchen, die es mit philosophischen Erkenntnisansprüchen aufnehmen wollen, sei es mit bildnerischen Ausgriffen auf den Bereich des Unsichtbaren oder sei es mit Konzeptionen eines ‚Gesamtkunstwerks‘, das eine umfassende Perspektive auf das Wirklichkeitsganze suggeriert.

Heft 4/2016 von kunst und kirche fragt nach solchen künstlerischen Grenzüberschreitungen: Gibt es heute noch Künstlerinnen und Künstler, die sich auf die Suche nach dem Großen Ganzen machen? Welche ästhetischen Visionen entwickeln sie? In welches Verhältnis treten sie zu den Welt- und Himmelsentwürfen der Religion? Oder ist es am Ende doch nach wie vor die Parodie oder die Dekonstruktion des ‚Großen Ganzen‘, welche Künstlerinnen und Künstler umtreibt? Mit Blick auf die Beiträge des vorliegenden Heftes zeichnet sich ab, dass der Blick über den epistemischen Tellerrand nach wie vor reizt. Etwa, wenn sich Künstler an Platons Höhlengleichnis (Mischa Kuball), Motiven der christlichen Heilsgeschichte (Michael Triegel), kosmischen Konstellationen des Universums (Björn Dahlem) oder der Konstruktion einer imaginären Architektur zur Weltverbesserung (Friedrich von Borries) abarbeiten. Gleichwohl schwingt ein augenzwinkerndes Bewusstsein der Vergeblichkeit mit und reizt zu einer ironischen Perspektive, die allerdings weniger den Unernst als vielmehr die Relativierung der eigenen Perspektive und damit eine durchaus ernsthafte Leichtigkeit des Weltzugangs ansteuert (Erwin Wurm).

Am Ende – oder besser am Anfang – stehen sich Kunst und Metaphysik im Horizont des Absoluten denkbar nahe – und bleiben doch mit ihrer wechselseitigen Anziehungskraft als „füreinander gefährliche Geliebte“ in spielerischer, genauer: „tänzerischer“ Distanz aufeinander bezogen (Markus Gabriel). Dabei zeichnet sich ab, dass auf die Verlockungen der Metaphysik bei genauerem Zusehen eine heilsame Ernüchterung folgen könnte: Denn könnte es nicht sein, dass sich die Grenzüberschreitungen der Metaphysik keineswegs als Übertritt von der einen in eine andere Welt, sondern – zumal mit Blick auf den Glauben – als Differenzereignisse innerhalb dieser einen Welt ereignen? (Hartmut von Sass) Könnte es also sein, dass wir den „innerweltlichen Gott“ denken müssen? (Bazon Brock)

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