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Identifikationspotenziale in den Psalmen. Über die Wirkung von Emotionen, Metaphern und Textdynamik in den Psalmen 30, 64, 90 und 147 auf gegenwärtige Lesende.

Sigrid Eder, Habilitation an der Fakultät für Theologie, 2016.

Die Psalmen als Lieder und Gebete aus einer lange vergangenen Zeit sind altorientalische Texte, die über die Jahrhunderte hinweg bis heute unmittelbar anrühren können. Dieser Wesenszug der Vergegenwärtigung und Unmittelbarkeit wird durch alle Epochen der Psalmenauslegung konstatiert, ist jedoch bisher weder methodisch operationalisiert noch systematisch analysiert worden. Das Habilitationsprojekt hat dieses Forschungsdesiderat in der aktuellen Psalmenexegese zum Ausgangspunkt genommen.

Unmittelbarkeit wird dadurch ausgelöst, dass sich Lesenden mit den in den Psalmen erzählten Situationen, Themen, Bewegungen, Emotionen und Erfahrungen identifizieren können. Daher stellt sich das Projekt den neu entwickelten Forschungsfragen, welche Aspekte von Identifikation in den Psalmen zu finden sind und wie diese funktionieren. Ziel des Forschungsprojektes ist demnach, Textstrategien zu eruieren, die LeserInnenidentifikation ermöglichen.

Identifikation mit Texten ist ein sehr komplexer Lesevorgang, der auf drei Faktoren beruht: (1) LeserIn, (2) Kontext und (3) Text. Für die Analyse text-basierter Identifikationspotentiale in den Psalmen wird – im Rahmen der Rezeptionsästhetik – eine innovative Methodologie entwickelt. Diese baut auf der Definition von „Identifikation“ mit literarischen Texten als die aktive Übernahme von im Text vorgezeichneten Perspektiven auf. Diese Perspektivenübernahme gelingt umso besser, je konkreter (nicht detaillierter) und „interessanter“ bzw. „aktueller“ die dargestellten Szenen und Inhalte sind und damit Analogiebildung zu gegenwärtigen Themen und Problemlagen ermöglicht werden, je mehr emotionale Wirkung ein Text ausübt und je leichter die Anbindung an die Bewegungen des Textes gelingt (Perspektivenlenkung, Textdynamik). Daher erfolgt die textanalytische Arbeit entlang der Analysekategorien (1) Inhalt, (2) Emotionen (explizite und implizite Emotionen; Metaphernanalyse; emotionale Beteiligung und emotionale Resonanz auf Seiten der LeserInnen) sowie (3) Perspektivenlenkung und Textdynamik und den damit verbundenen Methodenschritten.

Nach der Auswahl der Psalmen 30, 64, 90 und 147 anhand des Kriteriums der Perspektivenlenkung und nach der Textanalyse konnten folgende Ergebnisse erhoben werden:

• eine neue methodologische Vorgangsweise, die anhand von Erzähltexten erarbeitete narratologische Methoden für die Analyse poetischer Texte fruchtbar macht, um neue Dimensionen in der Lyrikanalyse aufzuzeigen;

• ein neuer Ansatz innerhalb der etablierten Metaphernforschung der alttestamentlichen Exegese, indem der Beitrag der metaphorischen Sprache zur LeserInnenidentifikation herausgearbeitet wurde;

• die Anwendung einer für die Bibelwissenschaft neuen Methode (Analyse expliziter und impliziter Emotionen) zur Analyse von Emotionen in den Psalmen sowie die Erarbeitung von Emotionsfeldern und des Phänomens der doppelten Emotionalität in den ausgewählten Psalmen;

• die Darstellung des Identifikationsprozesses mit literarischen Texten (Einstieg in die Textwelt, Dranbleiben, Identifikation, Aneignung) anhand der exemplarischen Psalmanalyse.

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