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Die liturgische Feier des Sonntags. Voraussetzungen – Bedingungen – Möglichkeiten.

Benedikt Georg Rodler, Dissertation an der Fakultät für Theologie, 2014.

Eine Gegenüberstellung von theologischen Überzeugungen und normativen Texten der Kirche einerseits sowie kirchlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen andererseits lässt die derzeit prekäre und ambivalente Situation der Sonntagsliturgie im deutschen Sprachgebiet deutlich erkennen. Im Durchschnitt feiern 12,3% der Katholiken wöchentlich den Sonntagsgottesdienst mit. Die große Mehrheit der Getauften orientiert sich für die Gestaltung dieses Tages primär an der gegenwärtigen Sonntagskultur und weniger an kirchlichen Idealen und Normen. Aktuell wird die wöchentliche Sonntagseucharistie nicht nur von gesellschaftlichen Wandlungsprozessen, sondern zunehmend auch von innerkirchlichen Entwicklungen bedroht, da mit der sinkenden Zahl an Mitfeiernden und Priestern immer größere Seelsorgestrukturen einhergehen. Die Reaktionen und Antwortversuche der deutschsprachigen Bistümer auf diese Umbrüche sind sehr unterschiedlich und umstritten. Sie legen vor allem das vielschichtige Spannungsfeld offen, dem die Sonntagsliturgie ausgesetzt ist: So konkurrieren theologische Überzeugungen und Strukturkonzepte (Primat der Gemeinde, Primat der Eucharistie), liturgische und außerliturgische Feierformen sowie gemeinschaftliche und individuelle Sonntagsheiligung miteinander.

Liturgietheologisch ist der Sonntag wesentlich als Wochengedächtnis des Pascha-Mysteriums (Wochenpascha) sowie Tag der Beziehungspflege (Communio) mit Christus, dem in der Liturgie auf mehrere Weisen (Aktualpräsenz, Verbalpräsenz, Realpräsenz) pneumatisch gegenwärtigen, auferstandenen und erhöhten Herrn, charakterisiert. Die Anamnese der göttlichen Heilstaten (Schöpfung, Exodus, Inkarnation, Tod, Auferstehung, Neuschöpfung, Erhöhung, Geistsendung) in der gemeinsamen Feier aller Glieder des mystischen Leibes Christi bildet die Quelle der kontinuierlichen Beziehung zu Christus als dessen Haupt bis zu seiner erwarteten Wiederkunft (vgl. SC 7; 106). Die Sonntagsliturgie soll Zentrum, Quelle und Höhepunkt der christlichen Existenz sowohl jedes einzelnen Gläubigen als auch der gesamten Kirche (vgl. SC 10; LG 11) sein. Durch die liturgische Heiligung soll der Herrentag mit seiner sakramentalen Kraft Heilszeichen Gottes in der Welt sein. Wesentlicher Anspruch der Sonntagsliturgie ist es, dem Feiergehalt mit einer adäquaten Feiergestalt entsprechend Ausdruck zu verleihen, damit der Sonntag den Gläubigen als Herrentag im Bewusstsein bleibt und sie wöchentlich im Glauben erneuern und bestärken kann. Entsprechend wird in dieser Studie zu ergründen versucht, wie der Sonntag unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen stiftungsgemäß, traditionsgemäß, situationsgerecht, gestaltgerecht und funktionsgerecht in einer adäquaten liturgischen Gestalt begangen werden kann.

Kirchenamtliche Dokumente und Regelungen (vgl. cc. 1246–1248 CIC/1983; KKK 1389; 2042; 2174–2195) stellen die Eucharistiefeier als genuine Form der Sonntagsliturgie deutlich heraus. In der pastoralliturgischen Praxis gewinnen neben der Messe zunehmend andere Formen wie Wort-Gottes-Feier, Tagzeitenliturgie, Andachten oder mediale Angebote für die Heiligung des Herrentags an Bedeutung. Grundsätzlich muss das Pascha-Mysterium im Mittelpunkt stehen und Communio mit Christus möglich sein (vgl. SC 5–7). Als Ansatz zur Auflösung der bestehenden Konkurrenzverhältnisse wird erstens mittels Hierarchie der Wahrheiten (Feiergehalt, pastorale Gesichtspunkte, Feiergestalt), zweitens durch den Paradigmenwechsel von der Höchstform zum Mindeststandard sowie drittens einem Plädoyer für individuelle Freiheit und Pluralismus die Möglichkeit fruchtbarer Kongruenz aufgezeigt. Auf dieser Basis kann schließlich der Sinn des kirchlichen Sonntagsgebots reflektiert und die Legitimität der unterschiedlichen Formen im Hinblick auf die Sonntagsliturgie begründet werden. 

Dissertation aus dem Fach Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie.
GutachterIn:

  • Univ.-Prof. Dr. Ewald Volgger OT (Linz)
  • Prof.in Dr.in Birgit Jeggle-Merz (Chur)

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