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„Der Gottesbegriff eines jeden ist sein Auge“ Herman Schells innovative Konzeption der Beziehung von Glaube und Wissen.

Elisabeth Hagn, Dissertation an der Fakultät für Philosophie und Kunstwissenschaft, 2016.

Sich mit Herman Schell (1850-1906) zu beschäftigen bedeutet, sich mit den Gedanken eines promovierten Theologen und promovierten Philosophen auseinander zu setzen, dem durch die Indizierung eines Großteiles seiner Werke schweres Unrecht seitens des Heiligen Offiziums bzw. der römischen Kurie widerfahren ist und dessen längst überfällige vollständige Rehabilitierung noch immer aussteht.

Das Hauptinteresse der vorliegenden Arbeit gilt der Entwicklung des Denkens von Herman Schell, insbesondere der von ihm vertretenen Beziehung zwischen Glaube und Vernunft sowie dem Nachweis der Aktualität des Denkens dieses großartigen Theologen.  

Die Darstellung des geschichtlichen Kontextes und der Biografie Schells dienen dazu, es LeserInnen, die nach dem II. Vatikanischen Konzil religiös sozialisiert wurden, zu erleichtern, die Brisanz seiner Gedanken und Forderungen zu verstehen. Nachvollziehbar wird auf diese Weise, warum der Dozent, dessen gesamtes Leben und Wirken von Wahrheitssuche und Aktivität geprägt waren, der mit seiner Arbeit den Menschen die Antwort Gottes auf die Probleme der Zeit weitergeben sowie Glaube und Wissen miteinander versöhnen wollte, sich von Beginn seines Wirkens an auf Kollisionskurs mit den Vertretern der Neuscholastik befand.

Anhand der Werke Schells wird sein Denkstil aufgewiesen als jener eines Selbstdenkers, eines Vermittlers zwischen Welt und Kirche, Kultur und Katholizismus, moderner Wissenschaft und Theologie, eines Vorläufers der sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts vollziehenden anthropologischen Wende sowie eines Wegbereiters der Ökumene und des II. Vatikanischen Konzils.

Zentral für die Theologie Schells ist sein dynamischer Gottesbegriff, wonach Gott Relation ist. Die eminente Bedeutung, die Schell dem Beziehungsgeschehen sowohl innertrinitarisch als auch in Bezug auf die gesamte Schöpfung beimaß, bestimmt nicht nur seine Anthropologie sowie Theologie, sondern auch sein Verständnis von und sein Verhältnis zur Wissenschaft. Schell beurteilte eine Trennung zwischen den Bereichen des Glaubens und des Wissens als unvernünftig, die Theologie hielt er als den übrigen Wissenschaften gegenüber gleichwertig und ebenso wie diese zu wissenschaftlicher Redlichkeit und Wahrheitssuche verpflichtet. Gott galt ihm als die entscheidende Instanz für Freiheit und menschliche Würde.  Speziell in Schells Schöpfungstheologie zeigt sich nicht nur seine Offenheit gegenüber den Erkenntnissen der Naturwissenschaften, insbesondere der Evolutionstheorie, sondern ebenso sein Verantwortungsbewusstsein gegenüber der gesamten Schöpfung. Die ethischen Implikationen seiner Theologie können auch als Verantwortungsethik interpretiert werden.

In vier prägnanten Thesen, das Verhältnis von Glaube und Wissen betreffend, wird die aus seinem Gottesbegriff resultierende Grundhaltung Schells nochmals verdeutlicht und die Zukunftsfähigkeit seiner Theologie erwiesen. Einen unübertrefflichen Beweis für die Aktualität des Denkens Herman Schells lieferte Papst Franziskus mit seiner, am 24.05.2015 erschienen Enzyklika Laudato si, worin seine Gedanken und Forderungen unübersehbare Parallelen zu jenen Herman Schells aufweisen.

Dissertation aus dem Fach Fundamentaltheologie.
Gutachter:

  • Univ.-Prof. em. Dr. Hanjo Sauer
  • Univ.-Prof. Dr. Ansgar Kreutzer

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